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Inzwischen wohne ich also ungefähr ein Jahr in den Niederlanden… Ich spare mir „Wie die Zeit vergeht!“-Kommentare und kommentiere stattdessen
Das Land
Ist klein. In anderthalb Stunden ist man mit dem Auto von der Ostgrenze zum Meer im Westen gefahren. Von Norden nach Süden sind es ca. 3-4 Stunden, wenn ich mich nicht irre. Und dann konzentriert sich das (Studenten-)Leben auch noch auf ein paar große Stadtzentren.
Das Klischee des toleranten und offenen Landes stimmt schon, auch wenn oft vermutet wird, die „Toleranz“ sei nur Desinteresse und auch wenn die Nationalisten in letzter Zeit erschreckend viele Wähler haben.
Wo wir gerade bei Klischees sind:ich schätze, 90% der Drogenbenutzer sind ausländische Touristen. Was die Theorie bestätigt, dass was erlaubt ist, uninteressant ist.
Landschaftlich kann man böse Dinge über die Niederlande sagen (platt, landschaftslos, künstlich) und ich muss zugeben, noch nicht so wahnsinnig viel vom Land gesehen zu haben, aber allgemein mag ich die Weite und das viele Wasser.
Die Stadt
Nijmegen, auch „Havanna an der Waal“ genannt und sozusagen meine Waalheimat. 160 000 Einwohner, claimt den Titel „älteste Stadt der Niederlande“, ist aber im Krieg übel zugerichtet worden und daher ist vom Alten nicht mehr viel zu sehen. Die Einkaufsstraßen im Zentrum sind zugegebenermaßen hässlich, aber es gibt auch sehr schöne Ecken (Nijmegen Oost ftw!). Gemütliche Kneipen, den Waalstrand zum Lagerfeuern, Party4Peace, De grote Broek, De Vasim – es ist eigentlich immer irgendwas zu tun und wenn nicht, dann kann man sich immer noch Freunde suchen, die in einem alten Kloster wohnen und da wildromantisch feiern.
Auch nicht zu vergessen ist das Arthouse-Filmtheater LUX – sozusagen die besten Filme aus aller Welt Original mit Untertiteln, was will man mehr?
Weil die Stadt relativ klein ist aber voller linker Studenten, gibt es viel zu tun, findet man schnell Kontakte und kann schnell eigene Projekte auf die Beine stellen oder in bestehenden aktiv werden. Nächstes Jahr werde ich z.B. zusammen mit M. das UMP (Universitair Milieu Platform, Umweltgruppe der Uni) leiten, bin gespannt!
Die Leute
Nijmegen wäre natürlich nur halb so toll ohne Menschen … die Loesjes jeder Art und Größe, R. der Überhippie, die vielen Idealisten, die sich hier so tummeln und natürlich auch die biertrinkenden anzugtragenden Carolus-Magnus-Jurastudenten und die Wirtschaftskommunikationsstudentinnen („Müssen wir das für die Klausur wissen?“), denn was wäre das Leben ohne Lästeropfer?
Allgemein habe ich das Gefühl, dass es hier viele offene Menschen gibt, aber das kann natürlich auch an der Uni-Umgebung und an meiner eigenen gewachsenen Offenheit liegen, nicht am Land oder der Stadt.
Des Weiteren ist man hier relativ direkt, was Körperlichkeiten angeht („Ich muss pinkeln“ ist eine völlig normale Bemerkung, statt „Ich geh mal kurz auf’s Klo“). Bei persönlichen Dingen gibt’s wohl große individuelle Unterschiede. Generell haben Leute aus dem Norden den Ruf, smalltalkabgeneigt und wortkarg zu sein, während die Südmenschen das ganze Jahr in Karnevalsstimmung ihr „zachte g“ hinausplaudern, keigezellig, hè? Alles Klischees natürlich… (Fyi: Nijmegen liegt zwischen Norden und Süden.)
Die Sprache
Anfangs noch als „süße lustige Sprache“ belächelt, habe ich Niederländisch inzwischen zu schätzen gelernt. Gerade weil es so niedliche Ausdrücke hat, aber man auch ernst darin sein kann (wie ich gelernt habe). Ich spreche es inzwischen recht gut und schreibe Sachen für die Uni selbst lieber auf NL, weil ich das so gewöhnt bin.
Das Studium
Taalwetenschappers will conquer the world!
Ok, vielleicht nicht taalwetenschappers, denn mit meinen Kommilitonen habe ich nicht so wahnsinnig viel zu tun (hat viele Gründe), aber Taalwetenschap auf jeden Fall. Ich habe meine Propedeuse (erstes Jahr) recht gut bestanden (8,7) und freue mich auf nächstes Jahr. (Abgesehen von den dämlichen Informationskundefächern die wir wieder kriegen… ) Vor allem toll: Ich bin zur Honours Academy zugelassen, das heißt, ich kriege nächstes Jahr allerlei Kulturveranstaltungen und Lesungen angeboten (kostenlos), fahre nach Rom (nicht kostenlos), muss den einen oder anderen Essay schreiben und, am besten, kann eigene erste Forschungsarbeit machen! Werde mich mit dem Einfluss verschiedener Fremdsprachen untereinander beschäftigen (de-nl-en um genau zu sein) und bin schon sehr gespannt.
Das Leben
bleibt überraschend. Ist manchmal langweilig, traurig, blöd, manchmal toll, aufregend, abwechslungsreich, interessant. Manchmal beides. Es ist es auf jeden Fall wert.
Und…
C., thanks for being the first to make me dance. Now I can do it on my own.