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Eine neue Sprache lernen ist ein bisschen wie verliebt sein.
Mein momentaner Flirt heißt Tschechisch, eine dunkle Schönheit.
Englisch kenne ich schon gut, aber es überrascht mich immer mal wieder. Es ist selbstbewusst, kann sehr gefühlvoll sein, aber auch ganz schön rotzig. Englisch stört sich nicht an meinen Liebschaften, es hat selbst so viele Geliebte und weiß, dass ich es täglich brauche, für Musik, zum Denken, für Freunde in anderen Ländern.
Französisch… Ja, wir hatten mal was. War aber irgendwie nie so das Wahre. Ich habe ein paar Mal versucht, es irgendwie aufzuwärmen, aber mit „Et boum…“ und so war da nicht viel. Wir sind einfach zu verschieden für eine intensive Beziehung. Aber ich hoffe, dass eine gute Freundschaft schon drin ist.
Niederländisch. Ist eigentlich auch eine relativ neue Freundschaft, mit gelegentlichen Anzeichen von Verliebtheit. Und Vorfreude darauf, es besser kennenzulernen.
Mit Russisch hatte ich vor Ewigkeiten mal eine kurze Affäre, aber ich war irgendwie noch zu jung oder was weiß ich, das hat sich schnell verloren. Es hatte so ein ganz anderes Leben als ich. Ich hatte es schon fast vergessen. Aber wenn ich Tschechisch angucke, erinnere ich mich oft plötzlich an Russisch, da sind so viele Ähnlichkeiten. Tschechisch kann darüber lachen, es weiß um seine Schönheit. Dreht sich um und lächelt über meine Überraschung, dass es doch ganz anders ist.
Dann gab es da noch kleine Urlaubsflirts mit Italienisch und Schwedisch. Italienisch war mehr ein anerkennendes Nicken in der Eisschlange, für viel mehr hätte es wohl auch mit Zeit und Gelegenheit nicht gereicht. Aber Schwedisch, das waren schon ein paar intensive Blicke im Café mit dem unausgesprochenen Gedanken, einmal mit mehr Zeit zurückzukommen.
Einige exotische Schönheiten wie Persisch bewundere ich von Weitem, aber weiß, dass sie momentan nicht meine Liga sind. Vielleicht eines Tages…
Arabisch ist so jemand, von dem man weiß, dass es ein Arschloch ist, dass es einen zur Verzweiflung bringen würde, aber trotzdem (oder deswegen) ist es ziemlich attraktiv. Trotzdem (oder deswegen) ein Von-Weitem-Kandidat.
Dass ich Deutsch zuletzt nenne, sagt nichts über seine Wichtigkeit. Oder doch: Zu ihm habe ich die komplexeste Beziehung, vor deren Erklärung ich mich am längsten drücken wollte.
Meine Muttersprache.
Deutsch ist traurig. Wir haben noch nicht darüber gesprochen, aber es weiß, dass es andere gibt. Bisher war das okay, aber jetzt gehe ich weg, gebe einer anderen Sprache den Alltagsplatz.
Deutsch hat gemerkt, dass ich mich nicht gefreut habe, es in Tschechien auf Speisekarten und Schildern zu sehen, weil ich so verknallt in Tschechisch war. Das tut mir leid. Es ist wirklich so, dass ich es für zu selbstverständlich nehme, weil es vertraut ist, Abenteuer eher mit anderen erleben will.
Ich werde ihm sagen, dass es meine erste und wichtigste Sprache ist und bleibt. Dass ich stolz auf seine Grammatik und seine schönen Worte bin. (Ich glaube, es hat sich gefreut, wie schön ich Rilkes Alliterationen fand.) Ich hoffe, es weiß, dass es die Sprache ist, in der meine Kindheitserinnerungen sind und in der ich liebe.
Jede Sprache gibt mir etwas. Ich möchte ihnen die Aufmerksamkeit geben, die sie verdienen. In meiner Begeisterung über eine neue Verliebtheit nicht Worte der schon vertrauten Sprache vergessen.
Englisch kann darüber lachen. Deutsch ist schwer gekränkt, wenn ich Niederländisch in unsere Beziehung funken lasse. Bisher fand es das immer lustig, aber gerade ist es ein bisschen sensibel. Niederländisch hat mich gebeten, die Sache mit Tschechisch auf Eis zu legen und mir die Zeit zu nehmen, es gut kennenzulernen. Das ist okay, es hat Recht. Ich werde Tschechisch sagen, dass man sich immer zweimal im Leben sieht.
(August 2008)
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